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Der wirtschaftliche Druck

Warum verdienen die Bauern immer weniger und warum nimmt die industrielle Wertschöpfung immer mehr zu?

Vortrag am 27. Mai 2002 in Murten

Aus einer von jeglicher Regulierung befreiten Anarchie des Marktes, der aus seinem Prinzip von Angebot und Nachfrage heraus alles Wirtschaften initiieren soll, so wurde uns seit Jahren eingehämmert, resultiere eine sich selbst regulierende, ständig erneuernde Ordnung der miteinander wirtschaftenden menschlichen Gemeinschaft und mehre dadurch effizienzbedingt den Wohlstand. Als Institution, welche über diese Weisheitslehre wachen sollte, wurde die “Welthandelsorganisation“ (WTO) geschaffen. Also bauten wir als gehorsame Schüler landwirtschaftliche Flächen ab, legten andere zusammen, reduzierten die in der Landwirtschaft Tätigen, verlagerten Industrien ins Ausland, sofern wir sie nicht zerstörten. Da die allgemeine Wohlstandsmehrung bisher ausblieb, heisst es, ihr müsst noch mehr abbauen, noch mehr rationalisieren.

nd nun kommen die USA als wirtschaftlich und politisch-militärisch mächtigstes Land, setzen industriell bei den Stahlimporten ein Zeichen und machen im Landwirtschaftssektor mit den angekündigten Subventionen deutlich, dass sie der Landwirtschaft offensichtlich keine Nebenrolle zuordnen. Steckt hinter der von unseren harmlosen Gemütern als Häresie bezeichneten Aktion vielleicht etwas viel Gewichtigeres, nämlich die Rolle der Landwirtschaft überhaupt? Vor eine weitere Frage stellt uns Argentinien. Eines von der Naturgrundlage her reichsten Länder der Welt liegt wirtschaftlich komplett danieder. Was läuft dort schief, dass die Grundrente nicht nutzbar gemacht werden kann; Grundrente definiert als Ertrag des Bodens unter Berücksichtigung der Produktivität? Die argentinische Krise wurde als internes und externes Liquiditätsproblem dargestellt. Braucht es vielleicht ganz andere Kriterien der Geldschöpfung als die heute geltenden? Gibt es einen Zusammenhang der Fragen, die uns die beiden Länder stellen, mit unserem Thema?

Um das Auseinanderdriften der Einkommen der in der Landwirtschaft von den in der Industrie Tätigen begreiflich zu machen, stellen wir zunächst die Frage nach

Dann müssen wir sehen, in welchem Verhältnis die heutige Geldschöpfung zu den drei Prozessen steht.
Nach der heute gängigen Auffassung ist der Wert einer Leistung gleich dem Markt- bzw. Geldpreis; Leistung definiert als materielles oder immaterielles Arbeitsergebnis. Diese geldkapitalistische Betrachtungsweise liefert eine bloss nominelle, zum Menschen beziehungslose Vergleichsgrösse. Denn der Preis ist ja lediglich Ausdruck des Verhältnisses zweier ausgetauschten Leistungen.

Zur Erfassung des eigentlichen wirtschaftlichen Wertes kommen wir, wenn wir ihn dinglich oder real in seiner Beziehung zum Menschen fassen. Dazu gehen wir von der Tatsache aus, dass eine bestimmte Bevölkerungszahl zu ihrer Existenz eine bestimmte Bodenfläche benötigt. Die Wertbildung nimmt also von der Bearbeitung des Bodens ihren Anfang. Sobald wir von der Selbstversorgung zur arbeitsteiligen Wirtschaft übergehen, kommt die Arbeit als wirtschaftlicher Faktor in Betracht. Indem die Arbeit ein Naturprodukt verändert oder unverändert in Zirkulation bringt, entsteht ein wirtschaftlicher Wert. Alle durch körperliche Arbeit einer Gemeinschaft am Boden gewonnenen Güter ergeben den Naturgewinnungswert, von dem jeder lebt. Geteilt durch die Bevölkerungszahl stellt er die Sozialquote dar. In dem Verhältnis der Bevölkerungszahl zur benötigten Bodenfläche liegt die Wertbildung ursprünglich begründet, weil alle Arbeit, die geleistet werden kann, von der Bevölkerungszahl abhängt, und alles, womit sich die Arbeit verbindet, aus dem Boden kommt. Denn das ist, was jeder benötigt, wovon jeder lebt. Und für diejenigen, welche wegen ihrer geistigen Leistungen Arbeit am Boden ersparen, nicht leisten, müssen diejenigen, welche in der Bodenbearbeitung verbleiben, deren Teil mitleisten.

Die Organisation der Arbeit durch den menschlichen Geist schafft einen zweiten Wertbildungsfaktor. Sein Ergebnis nennen wir Organisationswert. Dieser bemisst sich in erspartem Naturgewinnungswert oder, anders ausgedrückt, der Wert der geistigen Leistung entspricht dem, was sie an körperlicher Arbeit unmittelbar am Boden nicht leisten muss. Die Umsetzung des Organisationswertes in künstliche Produktionsmittel, mit deren Hilfe Bodenprodukte weiterverarbeitet werden, macht die Industrie bzw. die industrielle Produktion aus. Die Industrie verwandelt Naturprodukte in Industrieprodukte und gibt solche der Landwirtschaft auch zur Erhöhung der Produktivität zurück. Die Organisation der Arbeit direkt, aber dann vor allem Organisationswert in Form von Industrieprodukten ermöglichen der Landwirtschaft die Erwirtschaftung eines Ertragsüberschusses, welcher Arbeit unmittelbar an der Natur befreien kann bzw. eine Freistellung für geistige Tätigkeiten erlaubt. Der dank Produktivität erzielte Ertragsüberschuss der Bodenproduktion bildet einerseits das Kapital, aus dem die Industrie finanziert wird, anderseits die Grundrente, von der der Staat, das Bildungsleben, das Gesundheitswesen, die Alten, Kinder leben. Also aller Industrialismus arbeitet mit einem Passivum gegenüber der Landwirtschaft oder, anders ausgedrückt, wird vom Ertragsüberschuss der Landwirtschaft erhalten. Die Ersparnis körperlicher Arbeit in der Landwirtschaft bildet das Kapital, mit dem die Industrie arbeitet und dessen Höhe den Wert ihrer Leistungen bestimmt. Dass die Entstehung und Bedeutung der Kapitalbildung und der Grundrente nicht mehr verstanden werden, liegt in unserer Geld- und Kreditwirtschaft begründet, letztere ermöglicht durch das Institut des Eigentums; bezüglich Grundrente allerdings auch durch das heutige Steuerwesen bedingt. Ein Land, das die Rolle der Landwirtschaft in diesem Zusammenhang voll erfasst hat - scheinbar mehr instinktiv als bewusst - , sind die USA. Daher werden diese immer auf der Erhaltung ihrer Landwirtschaft beharren und letztere niemals einer Zerstörung anheim fallen lassen.

Wenn wir uns die Leistungen, im Ursprung hervorgehend aus dem Verhältnis der Bevölkerungszahl zur benötigten Naturgrundlage denken, haben die Leistungen in diesem Ausgangsstadium ihren objektiven Wert, der zusammenfällt mit dem subjektiven Beurteilungswert, den der einzelne Mensch ihnen beilegt. In dem Masse, in dem das Wirtschaften unter Menschen sich davon entfernt, dass der Einzelne bloss für sich und seine Allernächsten sorgt, und in einen allgemeinen Leistungsaustausch übergeht, ist die Übereinstimmung des Wertes, den das Bedürfnis einer Leistung beimisst, mit demjenigen, den der Hervorbringer einer Leistung derselben zu seiner Bedürfnisbefriedigung beizumessen hat, nicht mehr unmittelbar gegeben. Und damit kommt das Problem auf, wie sich die Leistung eines jeden, gegenüber derjenigen des andern bemisst, damit und sodass er bis zur Erbringung einer gleichen oder gleichwertigen Leistung seine Bedürfnisse aus den Leistungen anderer befriedigen kann und zwar bei freier Bedürfnisentfaltung. Darin zeigt sich das Problem der Preisbildung , dass der Preis nicht nur ein Ausdruck des nominellen Verhältnisses von Werten ist, sondern zugleich Vergleichsgrösse zur Sozialquote.
Das Mass für den Wert aller Leistungen bildet die Gesamtheit der Arbeitsergebnisse unmittelbar an der Natur. Es ist dies das “Urwertmass“ , worin der von Bedürfnis und Leistung verwendet.Herstellung einem Gut beigemessene Wert identisch ist, ein monetär zunächst noch nicht definierter Wert - eine nicht geldliche Wertvorstellung. In dem Urwertmass, basierend auf der Bevölkerungszahl zur benötigten Naturgrundlage, findet jeder Mensch anteilsmässig in der Sozialquote sich selbst, als Bezugsgrösse wieder. Der Wert einer Leistung wird richtig geschätzt sein, wenn dieser im Vergleich zur Sozialquote die Waage hält. Nun ist das Preisgefüge zwischen Industrie und Landwirtschaft offensichtlich nicht in diesem Gleichgewicht. Das bedingt die heutige Art der Geldschöpfung, die nicht in einem inneren Zusammenhang mit jenem als Naturgewinnungswert bezeichneten Basiswert steht. Diesem müsste sie das nominelle Mass geben.

Industrieprodukte als vom menschlichen Willen abhängige Erzeugnisse sind der Menge, aber auch der Beschaffenheit nach beliebig vermehrbar. In der Industrie herrscht, wenn es darauf ankommt, Geld zu erwerben, eine völlige Gleichgültigkeit nicht nur gegenüber der Arbeitsweise, sondern ebenfalls gegenüber dem Arbeitsprodukt, gegenüber demjenigen, was gearbeitet wird. Die Landwirtschaft kann diese Art der industriellen Denkweise nicht übernehmen. Denn die Landwirtschaft hat nicht wie die Industrie die Möglichkeit, auf immer neue Produkte auszuweichen, die Palette ihrer Erzeugnisse und deren Menge beliebig zu vergrössern. Aber selbst wenn nun die Landwirtschaft zwangshaft fortlaufend rationalisieren würde, sei es zur Arbeitseinsparung, wodurch Menschen für andere Leistungserbringung freigestellt würden, sei es zur mengenmässigen Ausdehnung der Produktion, sie könnte es ja nur mit Hilfe von Organisationswert integrierenden Industriegütern. Wird nun, wie das heute der Fall ist, die Geldmenge permanent - nach Möglichkeit, mit der Leistungsmenge - erhöht, wird der Organisationswert monetarisiert. Das heisst, das Preisniveau der industriellen Güter als Gesamtheit wird gegenüber demjenigen der landwirtschaftlichen Güter überhöht, auch wenn aufgrund von Rationalisierung die Preise einzelner Industriegüter zurückgehen. Der kompensatorische Effekt des Organisationswertes zugunsten der Landwirtschaft für ihren Unterhalt der Industrie wird so zunichte gemacht.

Wie wir eingangs feststellten, ist nach heutiger Auffassung der wirtschaftliche Wert gleich dem Preis einer Leistung. Der Marktpreis bestimmt die Höhe des Leistungserträgnisses und bildet somit Anreiz für die Leistungsmenge. Da aufgrund des heutigen Wertverständnisses Leistungserträgnis und Einkommen nicht als Grössen für sich erfasst werden können und sie daher, das gesamte soziale Leben tyrannisierend, interdependent wirken, wird die Konjunktur zur Obsession des Wirtschaftens. Dann wird das Leistungserträgnis eigentlicher Initiator des Wirtschaftens, nicht das Bedürfnis. Bedürfnisse wie auch wissenschaftliche Erkenntnisse, in denen sich die kulturelle Entwicklung spiegelt, dürfen sich manifestieren, soweit sie der Wirtschaft dienstbar sind. Höhere Kosten werden nicht der Landwirtschaft für eine hochstehende, Gesundheit erhaltende Ernährung, sondern einem Gesundheitswesen zugestanden, von dem die industrielle Produktion profitiert. Die direkte Assoziierung der Landwirtschaft mit den Verbrauchern ist zweifellos der richtige Anfang eines Wirtschaftens, das von den Bedürfnissen her seinen Ausgang nimmt. Aber man wird dabei nicht stehen bleiben dürfen, will man nicht in die Misere des jetzigen Zustandes zurückfallen. Die Industrie wird mit der Zeit in die gleiche Situation kommen, in der die Landwirtschaft sich jetzt befindet. Eine immer breiter werdende Öffentlichkeit wird sich wohl mit der Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach der Wert- und Kapitalbildung, der Preisbildung und Geldschöpfung vertieft befassen müssen.

In der Auseinandersetzung zwischen Leistungserträgnis und Sozialquote kann es nicht darum gehen, an die Stelle des freien Warenverkehrs im Zeichen von Angebot und Nachfrage eine Zwangswirtschaft zu setzen. Sondern aus Einsicht die gegenseitige Bewertung der Leistungen so zu gestalten, dass ein Ausgleich zwischen den Bedürfnissen und dem Wert der Leistungen möglich wird, oder anders ausgedrückt, dass im wesentlichen der Wert einer Leistung dem Werte anderer Leistungen entspricht, für welche der Erzeuger in der Zeit Bedarf hat, die er auf die Erzeugung einer gleichen oder gleichwertigen Leistung verwendet.


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