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Inhalt

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Aufbau der Gesellschaft

Einleitung

Die moderne arbeitsteilige Wirtschaftsweise ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenwirkens verschiedener Glieder der Gesellschaft. Durch die Art und Weise, wie jedoch unter den heutigen Verhältnissen das wirtschaftliche Leben und die mit diesem in Beziehung stehenden anderen Glieder des sozialen Ganzen zusammenwirken, werden die historisch als Staaten gewachsenen Gesellschaften in ihrer Existenz zunehmend in Frage gestellt. Denn der aus der erzwungenen Öffnung für Kapital und Waren der einzelnen Volkswirtschaften sich verschärfende Standortwettbewerb führt im Sinne der Maximierung der Kapital-Rendite dazu, dass immer mächtiger werdende Finanzeliten ausufernden Staatsverschuldungen und der Verarmung weiterer Bevölkerungskreise mit allen sich daraus ergebenden Systemproblemen gegenüberstehen. Bei der sich abzeichnenden Systemkrise handelt es sich nicht bloss um ein etwa durch staatliche Interventionen oder mittels privater Spenden zu entschärfendes Verteilungsproblem, sondern um ein eigentliches Erkenntnisproblem. Denn es geht ja darum, sachlich begründet herleiten zu können, nach welchen Modalitäten und mittels welcher Einrichtungen in der modernen arbeitsteiligen Gesellschaft das volkswirtschaftliche Leistungserträgnis entsprechend dem real vorhandenen Bedarf seinen verschiedenen Gliedern kontinuierlich zugeführt werden soll, damit eine prosperierende Entwicklung der Gesellschaft stattfinden kann. Dass die von einer Volkswirtschaft kontinuierlich erwirtschaftete Wertschöpfung stets auch ihrem geregelten Verbrauch zugeführt werden muss und sich nicht in den Händen von Einzelnen stauen und zwecks teilweiser Verwendung für bedarfsfremde Zwecke akkumulieren darf, leitet sich daraus ab, dass die Gesellschaft als Ganzes aufgrund ihrer differenzierten Gliederung erst die arbeitsteilige Wirtschaft ermöglicht und dass ihr demzufolge auch der Erlös zusteht. Wenn einmal erkannt ist, dass die Arbeit in einem inversen Verhältnis zum Boden und zur Intelligenz steht, entstehen für den wirtschaftlichen Wert und das Kapital neue Begriffe. Diese führen zu Konsequenzen für die Geldschöpfung und die Handhabung des Eigentums. Beide Einrichtungen sind ja nicht Naturgrössen, sondern Ergebnisse von Erkenntnissen und Kreationen in der Gesellschaft. Dass sich dann Einkommen und materielle wie auch immaterielle Arbeitsergebnisse ineinander aufgehend zuordnen lassen, ergibt sich aus der neuen Funktion des Preises.

Die vorliegenden Ausführungen umfassen drei Teile: Einleitend (I) wird das Prinzip der arbeitsteiligen Wirtschaft dargestellt, dessen Verwirklichung den Inhalt des Zivilisations- und Kulturprozesses ausmacht. Demgegenüber steht die Darstellung (II), wie das heutige Geldwesen und das Institut des heutigen Eigentums sich der die arbeits­teilige Wirtschaft konstituierenden Faktoren Boden, Arbeit, Wissen bemächtigen und alle drei zu Waren degradieren. Demgemäss wird das Kapital als Ergebnis der die Bodenerträge steigernden Wissensapplikation eigennützig vereinnahmt. Es wird aufgezeigt, dass die Einkommensfrage durch ihre direkte Verkoppelung mit dem Preis zum eigentlichen Zivilisationsproblem wird. Der Konkurrenzkampf zwischen Kapital­rendite und Arbeitseinkommen führt zu den für die heutige Gesellschaft unlösbaren Zwängen Konjunktur, Arbeitslosigkeit und Wachstumszwang.

Anschliessend (III) werden die Grundlagen einer zukünftigen regional und global orientierten Wirtschaftslehre entwickelt. Diese geht von der Betrachtung des wirtschaftlichen Wertbildungsprozesses aus. Daraus leitet sich eine Urgrösse als Massstab für Einkommen und Wert der Leistung ab. Abschliessend wird skizziert, wie sich ein solches Wirtschaftsleben im Rahmen einer funktionell gegliederten Gesellschaft schrittweise umsetzen lässt.

I. Das zu verwirklichende Prinzip der arbeitsteiligen Wirtschaft

Allem Wirtschaften liegt das Bedürfnis zugrunde.
Den Bedürfnissen gegenüber stehen wirtschaftliche Güter.
Die gesellschaftlich-kulturelle Bearbeitung der Stoffe aus der Natur bildet die Ausgangslage der arbeitsteiligen Wirtschaft.
Arbeitsteiliges Wirtschaften heisst: Austausch von Arbeitsergebnissen, materiellen und immateriellen, im Folgenden Leistungen genannt.
Durch Bedürfnis und Herstellung erhalten Leistungen einen wirtschaftlichen Wert.
Der durch Bedürfnis und Leistungserbringung initiierte Wirtschaftskreislauf besteht im Austausch von Werten innerhalb eines jeweiligen Sozialverbandes und weiterer miteinander wirtschaftender Gemeinschaften.

Leistung im Tausch gegen Leistung, also Wert gegen Wert, schlägt sich im Preis nieder. Der Preis spiegelt somit die jeweilige Relation der Werte. Während Bedürfnis und Leistungserbringung sich in der Selbstversorgung noch decken, ist dies mit beginnender Arbeitsteilung nicht mehr der Fall, und es entsteht für jeden Leistungserbringer, der ja zugleich Bedürfnisträger ist, die Frage nach der gegenseitigen Bemessung der Werte. Das heisst, wieweit ist er in der Lage, aus dem Preis seiner Leistungen seine Bedürfnisse aus den Leistungen anderer zu befriedigen. Die Preise müssen dabei so gestaltet sein, dass die in einer Gesellschaft vorhandenen individuellen Bedürfnisse und individuell erbrachten Leistungen dauerhaft zum Ausgleich kommen. Ohne einen solchen Ausgleich werden erbrachte Leistungen vernichtet und Bedürfnisse können nicht befriedigt werden.

II. Von der Dominanz des Rechtes zur Dominanz des Marktes,
von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft
Eigentum und Kapital aus heutiger Sicht

In der feudalen, vorkapitalistischen europäischen Wirtschaftsordnung wurden die Arbeitsergebnisse, welche Erträgnisse des Bodens waren, nach den Privilegien der damaligen Rechtsordnung in Form des „Census“ belastet. Mit aufkommender Geldwirtschaft ist der Markt an die Stelle der feudalen Rechts- und Verteilungsordnung getreten. Der Markt- oder Geldpreis, geregelt durch Angebot und Nachfrage, gilt heute als Wert der Ware. Geld hat die Eigenschaft, alles, worauf es sich bezieht, zur Ware zu machen. "Ware" wird ein Gut dadurch, dass es gegen eine Geldmenge, in der seine besondere Eigenart keinen Ausdruck findet, austauschbar ist.

Nicht nur die Leistungen zirkulieren heute als Geldwerte repräsentierende Waren auf dem Markt, sondern auch Kapital und Arbeit. Kapital ist nach heutiger Definition jedes Ertrag bringende Vermögen, also alle Produktionsmittel einschliesslich Grund und Boden, gegen Geld belehn- und handelbar. Wie in der Feudalgesellschaft kann nach wie vor aufgrund des Eigentums ein "Census" (Zins) erzwungen werden, aber dessen Zusammenhang mit dem Boden wurde im zwischenzeitlich etablierten Staat durch das Geldsystem und eine daraus resultierende neue Form der Steuererhebung cachiert.

Die industriell bedingten Rationalisierungsprozesse führten zu einer enormen Steigerung der Erträgnisse des Bodens und ermöglichten das Herausziehen eines immer höheren „Census“, der durch die heutige Rechts- und Geldordnung zu einem Gewinnobjekt gemacht wurde. Dadurch nämlich, dass die Geldmenge mit der gestiegenen Gütermenge erhöht wurde, wuchs der aus dem Überschuss der Bodenproduktion finanzierte „Census“ auch nominell. Wenn man den Ertrag des Bodens unter Berücksichtigung der Produktivität als Grundrente definiert, kann man sagen: Ohne Ertrag des Bodens kann die Menschheit gar nicht existieren; das ist, was jeder benötigt, wovon jedermann lebt. Ohne Grundrente, das heisst: Überschuss der Bodenproduktion, können Zivilisation und Kultur sich nicht entwickeln. Was sind denn eigentlich Zinsen und die sich ins Unermessliche steigern wollende Eigentümer- oder Besitzrente? Cachierte Bodenrente in zweierlei Erscheinungsformen! Und was in den agitatorischen Kampf gegen Zins und Besitzrente angeführt werden muss, ist lediglich, wie jener Überschuss der Bodenproduktion transparent in das Gebiet der geistigen Produktion bzw. in das Gebiet der reinen Verbraucher (Lehrer, Ärzte, Pensionierte, Kinder) übertragen werden kann.

Kapitalrendite und Arbeitseinkommen

Das Leistungserträgnis - der Marktpreis für das Arbeitsergebnis - ist aus dem heutigen Rechts- und Wirtschaftsverständnis heraus eigentumsmässig Kapital, und somit wird das Arbeitseinkommen bzw. der Lohn aus dem Kapital bezahlt. An die Stelle der Leibeigenschaft ist das Lohnabhängigkeits- und hypothekarische Schuldverhältnis getreten. Leistungserträgnis minus Arbeitskosten wird zum Renditefaktor für das Kapital, bei gesamtwirtschaftlicher Betrachtung. Die Kapitalrendite bestimmt den Geld- und Verkehrswert des Kapitals. Nach dieser Orientierung entscheidet das Leistungserträgnis unter Berücksichtigung der erzielbaren Rendite darüber, ob ein Gut erzeugt werden soll oder nicht, und somit wird nicht das Bedürfnis, sondern das Leistungserträgnis zum Initiator des Wirtschaftens. Kapital und Arbeit als Ware begründen den Kampf zwischen Kapitalrendite und Arbeitskosten, der im ruinösen Preiskonkurrenzkampf endet. Aufgrund ihrer unmittelbaren Koppelung an das Leistungserträgnis hat die Arbeit zwei Aspekte: Sie ist einerseits Unkostenfaktor, anderseits Gelegenheit, Einkommen zu erzielen. Vom Standpunkt des Kapitals gilt es, die Kosten für die Arbeit zu eliminieren, die Arbeit dorthin zu verlagern, wo sie am billigsten ist. Zwecks Einkommensbeschaffung aber entartet Arbeit auch zu unnötiger Tätigkeit. Und so führt Arbeit als Ware in Abhängigkeit vom Kapital einerseits zu Arbeitslosigkeit, anderseits zu Verschleisswirtschaft.


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